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| 1. Ausgabe | 23.11.97 | |
| DM -,40 | ||
Hi, Heimlinge!
Der Heimling soll eine unregelmäßig erscheinende Zeitschrift über das Wohnheim D werden. Hier soll alles möglich sein (gemäß dem Motto des Wohnheims), d.h. wer Lust hat Artikel zu schreiben, der möge diese bitte formulieren und in den Briefkasten von Zimmer 2421 werfen. Sie werden dann (natürlich zensiert!) möglicherweise abgedruckt.
Das wichtige daran ist nicht nur das darin, sondern daß der Erlös dieser Zeitschrift der Finanzierung des Internets im Wohnheim D zugute kommen wird. Wie bereits auf der HVV von Herrn Schönenberger gekennzeichnet fehlt es "nur noch" an ca. 30.000,- DM (in diesem speziellen Falle wir würden außerdem auch noch Spenden annehmen). Also, es ist so einfach: Je schneller Ihr Internet auf den Zimmern haben wollt, desto mehr Heimlinge sollten gedruckt werden.... Das geht aber nur, wenn Ihr Eure Ideen in Artikelform mitbringt.
Euch in den Händen liegt nun die allererste, limitierte Auflage dieser neuen Heimzeitschrift. Viel Spaß damit... ihr werdet schneller mit lesen fertig sein, als Ihr es Euch für Euer Geld gewünscht hättet!
Zimmerscope
Unter dieser Rubrik wird immer eine Person (mehr oder weniger freiwillig) vorgestellt, die es kennen zu lernen und natürlich zu erraten gilt. Viel Spaß und Erfolg damit! Einsendeschluß ist der Mittwoch, 26.11.97 18.00 Uhr im Briefkasten von Zimmer 2421. Die richtige Lösung wird im nächsten Heimling veröffentlicht. Unter allen richtigen Einsendungen wird eine Karte "Alien - Resurrection" verlost! Die Vorstellung findet am Mittwoch abend um 23 Uhr im UT-Kino statt.
Als Rauschgoldengel, am 9.März in Buxtehude geboren, ist es der Kartoffelliebhaberin nach 6 Wochen immer noch nicht so recht gelungen sich im Saarland einzuleben: "Saarbrücken nervt: Warten auf Busse und die scheiß Saarbahn". Zudem kann sie sich trotz einer argentinischen Mutter nicht mit den Dialekten des Südens anfreunden: "Wie kann man nur zum Brötchen `Weck' sagen?!". Als HSV-Fan hat sie sich fest vorgenommen, zum eintönigen Rot ihres Flures einen Schuß blau/weiß hinzuzufügen. Manch mal ist sie derart mit Blindheit geschlagen, daß sie doch glatt die Saar übersieht (das ist kein Witz!!!), und das ist nicht unbedingt auf ihre exzessive Nachtarbeit oder den Alkohol zurück zu führen. Heimisch in Hamburg, zieht es sie seit frühster Jugend in die weite Ferne. Das Geld hierfür verdient sie sich derzeit als Kassiererin bei MacDonald's (besser bezahlte Jobs werden auch gerne angenommen!). Dort könnt Ihr sie -falls Ihr nicht wißt, um wen es sich handelt- am Donnerstag ab 18 Uhr (Mainzer-Straße 156b) besuchen.
Na, wißt Ihr, wer es ist? Dann nicht vergessen: Einsendeschluß: Mittwoch, 26.11.97, 18.00 Uhr. Einsenden an: Wohnheim D, Zi. 2421 - 66123 Sb. Hauptpreis: 1x "Alien - Resurrection" (Mi, 23 Uhr - incl. Rückfahrgelegenheit)
Heimling-Kochbuch
exklusiv aus der Gerüchteküche
Heute: HVV contra Beaujolais - Fest
Sb, 20.11.: Als die HVV gegen 19.00 Uhr endlich begann, waren trotz der Konkurrenzveranstaltung am St. Johanner Markt überraschend viele Bewohner anwesend. Neben den anstehenden Wahlen, waren die üblichen Informationen über Neuerungen der letzten Monate zu erfahren. Allerdings ist das erwartete - und von einigen vielleicht sogar erhoffte - "Spektakel" ausgeblieben. Dies führte letztendlich dazu, daß viele umdisponierten und sich auf den Weg in Zentrum machten. Nach Berichten unseres Informanten tat sich dort Überraschendes.
Was zunächst keiner zu hoffen gewagt hat, ist eingetreten: zu fortgeschrittener Stunde, als die von Entlastung und Neuwahl Betroffenen noch Blut und Wasser schwitzten, bahnten sich am Johanner Markt bereits die Auswirkungen der (immer wieder wiederholten - und noch häufiger ignorierten) Hinweise zur Sauberhaltung der Gemeinschaftsräume im Wohnheim an: selbst einsetzender Regen konnte die Auswirkungen übermäßigen Alkoholkonsums nicht mehr verhindern.
Während Christiane F.*) sich die oben genannten Hinweise der HVV zu Herzen genommen zu haben scheint (oder war es doch nur Zufall?) und die Stätte ihres Übelkeitsanfalls von der Toilette des Wohnheims ins Gebüsch der Haltestelle verlagert hat (Dringend gesucht wird in diesem Zusammenhang der Busfahrer, der für die Verspätung des Busses verantwort lich war: es muß noch geklärt werden, ob er für diese Verspätung möglicherweise eine Belohnung erhalten kann), zeigten sich die Auswirkungen dieser nächtlichen Odyssee durch die Saarbrücker Altstadt in weniger extremer Weise, wie das Beispiel des Christian M. aus 2118 zeigt.
Nach dem Besuch des Kinofilms "Ballermann sechs" (oder war das noch mal Ballermann Sex?!) konnte sich unser Christian, dessen Gesicht bereits den gleichen grauen Ton wie der Pullover angenommen hatte, bereits unmittelbar nach dem Verlassen des Lichtspielraums, nicht mehr daran erinnern, was er überhaupt gesehen und erlebt hat. Hier halfen auch nicht mehr die verzweifelten Versuche von Bénédicte, seine Lebensgeister nochmals zu wecken.
Das Ganze endete schließlich damit, daß beide, aneinandergeklammert, um.........sich überhaupt aufrecht halten zu können, beinahe einer Schiffsschaukel bei Windstärke sieben Konkurrenz gemacht haben. Wie sie den Heimweg schließlich doch noch gefunden haben, stand bei Redaktionsschluß leider noch nicht fest - wir hoffen das Beste!
*) Der Name der Besoffenen ist geändert!
Heimlichkeit?!
Uns allen ist die derzeitige problematische Situation bzgl. der Waschmaschinentermine bekannt.
Einer unserer Mitbewohner hat sich nun entschlossen, der damit verbundenen Misere im Hinblick auf das Finden eines geeigneten Waschtermins ein Ende zu bereiten. Da seine Schüchternheit es ihm verbietet, Leute direkt anzusprechen, hat er uns gebeten, Euch, nachdem es Euch nicht gelungen ist, seine dezenten diesbezüglichen Hinweise zu verstehen, auf diesem Weg folgendes mitzuteilen:
Getreu dem Pfadfindermotto "Jeden Tag eine gute Tat", hat er sich kurzfristig dazu entschlossen, bei der Begrenzung der Waschzeit auf zwei Stunden pro Woche das "wöchentlich" zu ignorieren und durch "täglich!" zu ersetzen, was es ihm in einzigartiger Weise ermöglicht, Euch, liebe Heimlinge, den Termin Eurer Wahl zur Verfügung zu stellen, ohne, daß Ihr Euch selbst darum kümmern müßt und Euch statt dessen der Muße des Studiums hingeben könnt. Na, was haltet Ihr davon? Das ist doch ein tolles Angebot - oder etwa nicht? Also, auf geht's! Wenn Ihr noch Termine braucht, wendet Euch vertrauensvoll an die Redaktion, damit wir Euch unverzüglich weitervermitteln können.
Das Leben hinter dem Spion
Diesmal "Satire der Woche":
Vorbemerkung: Das Manuskript dieser schlüpfrigen Geschichte fand einer unserer Bewohner beim Einzug in sein Zimmer in Form einiger Papierröllchen. Mit Heftpflaster am Fensterrahmen befestigt, dienten sie als Isolation, dichteten die in jenem Zimmer ca. 5 cm breite Ritze zwischen Rahmen und Fenster aber nur ungenügend ab.
Entsetzt über ihren Inhalt entschloß dieser Mitbewohner sich, sie aus seinem Zimmer zu entfernen und hier zu veröffentlichen, um uns wachzurütteln und mit diesem abstoßenden Beispiel an unser Gewissen und unsere Moral zu appellieren.
Der Verfasser dieser Geschichte ist unbekannt. Wir sehen uns daher außer Stande, die folgende Infamie zu ahnden.
An der Matratze gehorcht
Ich hasse die Samstage nach den Heimfesten. Man steht irgendwann nachmittags völlig übermüdet auf, hat jedes Verhältnis zu Raum und Zeit verloren, leidet unter Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen, Orientierungs- und Aufnahmeschwierigkeiten. Man fällt die Treppen hinunter, zerschlägt Teetassen und verbrennt sich die Finger am Gasherd. Kurz und gut: man hätte lieber im Bett bleiben sollen. Stattdessen verbringt man die erste Hälfte des verbleibenden Tages mit heiß duschen und Spaghetti essen.
Nach dem letzten Heimfest war es genauso, ich hatte es auch nicht anders erwartet. Gegen zwanzig Uhr hatte ich es satt, mir ohne fremdes Zutun die häßlichsten Verletzungen zuzufügen und legte mich in mein sicheres Bett, mich krampfhaft aber relativ erfolglos auf ein Buch konzentrierend.
Die Buchstaben verschwammen schon vor meinem Auge, als ich plötzlich aufschreckte und schlagartig aus meinem Trancezustand geweckt wurde. Unter meinem linken Schulterblatt spürte ich ein seltsames Vibrieren meiner Matratze, ich vernahm zunächst ein unheimliches Raunen und Murmeln, schließlich ein undeutliches Wispern.
Erschrocken fuhr ich aus dem Bett auf (wobei ich mir scherzhaft den Musikantenknochen an der Bettkante anstieß), sprang auf (die Folge war ein hühnereigroßer Bluterguß am rechten Fußknöchel, da ich mit dem Tischbein kollidierte) und riß die Matratze aus dem Rahmen. Ich war sicher, darunter eine mindestens handflächengroße Kakerlake zu finden, die die Geräusche verursacht haben mußte, während sie unter meiner Matratze herumkroch und dort ihre Eier ablegte, um mit weiteren ekelhaften Geschöpfen ihrer Spezies mein Zimmer zu verseuchen. Aber ich täuschte mich. Weder Kakerlaken noch schwarze Spinnen oder Mäuse hatten sich unter meiner Ruhestätte angesiedelt. Nur einige Silberfischchen ergriffen bei meiner heftigen Aktion entsetzt die Flucht. Ich gab die Suche auf, brachte die Matratze zurück an ihren Platz (wobei einige Fingernägel auf der Strecke blieben) und legte mich - wenn auch unruhig geworden - wieder in mein Bett.
Nach kurzer Zeit fingen die Geräusche wieder an, diesmal vernahm ich zuerst ein undeutliches Murmeln, das überging in ein merkwürdiges Glucksen und schließlich mit einem kräftigen Rülpser endete. "Verzeihung!", sprach eine dumpfe, tiefe Stimme. Ich war entsetzt, fuhr erneut auf (diesmal ohne größere Verletzungen) und starrte auf mein Bett: es war die Matratze, die da sprach! Sie wies mich (unnützerweise) darauf hin, daß es völlig unnötig sei, sich vor ihr zu erschrecken, aber ich hätte sie mit meinem linken Fuß (ich hatte mir diese entsetzlich juckende Extremität verzweifelt am Laken gerieben) dermaßen gekitzelt, daß sie nicht länger zu schweigen vermocht habe und ihrem Unmut zum Ausdruck habe bringen müssen. Ich war völlig perplex, glaubte an Halluzinationen, wurde von einem plötzlichen Schwindel überkommen, zitterte, bekam Hitzewallungen und Schweißausbrüche. Meine Matratze - sie stellte sich mir als "El Jumpa" vor - schien Mitleid für mich zu empfinden und lud mich ein, mich wieder auf sie zu legen, was ich denn auch tat. Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, wurde mir klar, welche unglaubliche Chance hier im wahrsten Sinne des Wortes vor (nein, unter) mir lag.
Gegen einen kleinen Handel (ich bot einen neuen Matratzenschoner mit Druckknöpfen und versprach, das Laken öfters als alle zwei Monate zu wechseln) war El Jumpa bereit, mir ihre intimsten Geheimnisse zu verraten. So erfuhr ich alles über die Vorbewohner meines Zimmers und die ehemaligen Bettbenutzer. Meine Matratze hatte ein äußerst bewegtes und auslaugendes Leben hinter sich, das ihr sehr auf die Sprungfedern geschlagen war.
Der Beginn ihrer Zeit als Wohnheimmatratze war für El Jumpa allerdings recht ruhig, um nicht zu sagen langweilig. Sie wurde zunächst zwei Semester lang von einer jungen, beflissenen, angenehmen Diplomdolmetscherin für Spanisch und Serbokroatisch belegen, die regelmäßig abends um zehn Uhr zu Bett ging und morgens Punkt sieben Uhr aufstand, kaum unruhig schlief (außer vor Prüfungen), selten schnarchte und niemals einen Mann in ihr Zimmer, geschweige denn in ihr Bett, ließ. Als sie nach einem knappen Jahr des Entsetzens über das unmoralische Wohnheimleben diesen Ort fast fluchtartig wieder verließ, hoffte El Jumpa auf ein etwas abwechlungsreicheres Leben, hatten ihre Kolleginnen aus dem Matratzenlager ihr doch ganz andere Dinge berichtet und sie um ihre Verlegung beneidet. Ihre Hoffnungen wurden jedoch erneut enttäuscht.
Ein intellektueller, introvertierter Student der katholischen Theologie bezog ein Semester lang das Zimmer. Er murmelte nachts stundenlang griechische und lateinische Vokabeln vor sich hin, lebte in völliger Enthaltsamkeit (nur in äußerster Not legte er selbst Hand an sich) und litt zudem unter entsetzlichen Blähungen, die meiner Matratze sehr zu schaffen machten. Auch diesem Asketen gelang es bald nicht mehr, sein vergeistigtes Leben, das er ausschließlich seinem Studium widmete, mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. So zog er im Sommer die Konsequenz und ging.
Da er das Zimmer aber noch bis zum Oktober für sich gemietet hatte und es seinem großherzigen Charakter widersprach, zehn Quadratmeter, die einem heimatlosen Menschen eine Unterkunft bieten konnten, so lange leer stehen zu lassen, überließ er sein Zimmer bis zum Semesterbeginn einem afrikanischen Gaststudenten.
Dieses Werk der Nächstenliebe bescherte El Jumpa zwei aufregende Monate, wie sie sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet hätte und in deren Verlauf endlich einmal alles von ihr gefordert wurde. Niemals hätte sie geglaubt, daß ihre Sprungfedern so kräftig gebaut waren, hielten sie doch auch den stärksten Belastungen noch stand.
Stunden - ja sogar tagelang - wurde ihre Schaumstoffüllung immer wieder rhythmisch zusammengepreßt, sie fühlte sich wie hineingezogen in die Wogen der Lust, die auf ihr tobten, spürte das Beben des Bettes und empfand den manchmal schmerzhaften Aufprall beim Zusammentreffen mit dem Lattenrost geradezu als Genuß. Nur ein einziges Mal, als die Kraft der hölzernen Unterlage der Wucht des wilden Liebesaktes nicht mehr gewachsen war und eine der Latten unter einem besonders heftigen Stoß zerbarst, um sich dann, von einer der Sprungfedern wie von einer Kralle fest umschlossen, tief bis in El Jumpas Federkern zu bohren, bereute sie für einen Augenblick ihre anfängliche Euphorie, allerdings nur kurz und schon bald sollte sie sich nach dieser Zeit voller ungezügelter Leidenschaft einer noch ursprünglicheren menschlichen Natur zurücksehnen.
Ein neuer Bewohner bezog das Zimmer, dessen orientalische Herkunft El Jumpa zunächst faszinierte, bescherte sie ihr doch eine Fülle neuer, ihr bislang nur unbekannter Gerüche, die das Zimmer stets erfüllten. Besonders den Duft des Opiums liebte sie und sie sog den Rauch, der fast immer brennenden Wasserpfeife, der ihr ein so wohliges, ruhiges Gefühl verlieh, gierig ein. Zudem lebte sie nun in der Gesellschaft einer Kollegin, die, auf ein auf abenteuerliche Weise zusammengesetztes Gerüst gebettet, ihre Nachbarin wurde und die Liegefläche des Bettes um gut fünfzig Zentimeter verbreiterte. Anfangs war El Jumpa ein wenig gekränkt, denn ihr war unklar, warum ihre Breite plötzlich nicht mehr ausreichend war. Außerdem zehrte das ständige Gejammere der schmalen, durchgelegenen Matratze an ihrer Seite, die - zugegeben - zwischen Wand und El Jumpa etwas zusammengequetscht war, arg an ihre Nerven. Im übrigen sprach Alibido (zunächst hatte sie sich geziert, ihren Namen zu verraten) nur gebrochen deutsch und lebte in ständiger Sorge, ihre Laken könnten verrutschen und damit ihren hübschen gelben Schaumstoff den Blicken der vielen, ausschließlich männlichen Besucher im Zimmer unverhüllt aussetzen.
Schon bald war El Jumpa jedoch über die Gesellschaft Alibidos überglücklich und sie begriff, daß ein Meter Bettbreite als Normalmaß völlig unzureichend ist, machte sie doch die neue Erfahrung, daß sich nicht nur zwei Menschen in gewissen Momenten des Zusammenseins gerne eine Bettstatt teilen, sondern daß es in manchen Kulturkreisen darüber hinaus durchaus üblich zu sein schien, zu dritt oder viert das Lager nicht nur zum Schlafen, sondern auch zum Fern- und Videosehn, rauchen, Kartenspielen, Tee trinken und herumlungern zu nutzen.
Schon bald bemerkte El Jumpa zu ihrer Besorgnis, daß die ständige Überbelastung sehr die Elastizität ihrer Sprungfedern beeinträchtigte und ihr einen ständigen Druck auf den Federkern verursachte. Sie war daher froh, daß dieses Männerkollektiv anscheinend nicht sehr an Frauen interessiert war und ihr zumindest diese Aktivitäten, die sie inzwischen eher als Belastung empfand, erspart blieben.
Die erregten, für El Jumpa unverständlichen Diskussionen, die mit hocherhobenen Stimmen geführt wurden und so für einen konstanten Lärmpegel sorgten, ließen sie allerdings an ihrer Vermutung zweifeln, denn sie beobachtete mit Abscheu, daß bestimmte unfeine Gesten international zu sein schienen. Auch das ständige Kratzen im Bereich unterhalb der Gürtelschnalle gehörte wohl unverzichtbar zur Gestik und war scheinbar Zeichen des Ausdrucks einer besonders starken Männlichkeit.
Von El Jumpa auf das Thema angesprochen, versteckte sich Alibido verschüchtert noch tiefer unter ihren Laken und erwiderte lediglich, daß sie über die im Zimmer geführten Gespräche zutiefst verschämt sei und daß europäische Frauen ihrer Ansicht nach sehr unmoralisch seien, ließen sie doch jeden Mann in ihr Zimmer ein. El Jumpa interpretierte diese Aussage auf ihre Weise und wartete fortan ungeduldig auf eine Neuerung in ihrem Leben.
Diese kam schneller als sie gedacht hatte: nach einer heftigen Auseinandersetzung, in deren Verlauf einer der Zimmerbenutzer (El Jumpa verstand nie, wer von ihnen der eigentliche Zimmerbewohner war) seine gekränkte Mannesehre auf nicht ganz legale Weise zu verteidigen suchte, wurde das Zimmer geräumt. Die hübschen grünen Hanfpflanzen auf dem Fensterbrett wurden dabei ebenso entfernt, wie Alibido, die vorläufig noch als Ersatzpolster für ein leicht beschädigtes Sofa in der Heimbar diente, aber einer ungewissen Zukunft entgegensah.
In den folgenden zwei Monaten bewohnte eine junge Chinesin das Zimmer, deren Fliegengewicht El Jumpa kaum mehr spürte, wenn jene abends zeitig nach ihren Yogaübungen ins Bett ging. Das stille südostasische Mädchen war sehr familiär veranlagt: oft wurde sie von ihrer Mutter betreut oder man hielt im Kreise zahlreicher Verwandter exotische Mahlzeiten ab, für die stundenlang geköchelt wurde, wobei die seltsamsten Gerüche das Zimmer und den ganzen Flur erfüllten. El Jumpa tat sich mit ihrer neuen Begleiterin recht schwer; die fernöstliche Kultur erschien ihr wie ein undurchsichtiges Geheimnis, dem man wohl nur auf die Spur kommen konnte, indem man das Mysterium, das in den merkwürdigen Zeichen lag, von denen viele, sorgfältig auf kleine Zettelchen gemalt, die Zimmerwände schmückten und die auch in einem lautmalenden Singsang akustisch realisiert werden konnten, erforschte.
Auch die Bedeutung des allmorgendlichen Rituals, das Radio zu möglichst früher Stunde für eine festgelegte Zeit so laut wie möglich aufzudrehen, blieb El Jumpa verborgen. Sie vermutete, daß das Mitsingen der ohrenbetäubenden Musik dazu führte, daß die Stimmbänder am Morgen gelockert wurden und erst danach elastisch genug waren, den schnellen Wechsel der extremen Stimmhöhenunterschiede bei der Lautartikulation meistern zu können. Allerdings schien keiner der Zimmernachbarn eine solche Therapie entwickelt zu haben und niemand zeigte Verständnis für die unbekannte asiatische Kultur. Nach mehreren Beschwerden mußte auch diese Bewohnerin mitsamt ihrer Mutter das Zimmer endgültig verlassen.
"Das war's", schloß El Jumpa abrupt, die am Ende ihrer Geschichte angelangt war. Ich ließ erschöpft den Bleistift fallen, mit dem ich auf einigen herumfliegenden Zetteln meine Notizen gemacht hatte und streckte mich ein wenig, wobei ich meine Hacken wohl etwas zu fest in die Matratze drückte, denn ich erntete dafür ein wütendes Knurren El Jumpas.
Augenblicklich wurde mir klar, daß ich nun derjenige war, der sich als neues Glied in die Reihe der Bettbenutzer einreihte und die vielleicht eines Tages auch selber Opfer der Erzählungen einer recht indiskreten Wohnheimmatratze werden könnte. Zwar hatte ich, der ich wie viele andere Neulinge auch als unbedarfter junger Student hierher gekommen war, nichts zu verbergen, aber scheinbar hatte El Jumpa doch den Hang, maßlos zu über treiben und die absurdesten Geschichten zu erdichten.
- Oder sollte irgendeine dieser gemeinen Obszönitäten etwa der Wahrheit entsprechen? Wie dem auch sei: seit jenem Tag behandele ich meine Matratze äußerst pfleglich, wasche regelmäßig den Schonbezug, wechsele häufig die Bettwäsche, verwöhne sie ab und zu mit einem neuen Laken (wobei ich darauf achte, daß das Gewebe keine Synthetik enthält, da El Jumpa darunter so schnell transpiriert) und schlafe, wenn sie Sprungfederbeschwerden hat, auf dem Fußboden.
El Jumpa hat mir bei ihrem Federkern geschworen, dafür in Zukunft verschwiegen zu sein. Ich glaube ihr nur nicht.
News
· Falls ihr noch am Überlegen seid, was ihr Eurem HP Hans-Joachim zum Geburtstag schenken sollt (keine Panik, das ist sowieso erst im März), besorgt ihm keine Theaterkarte für "Don Carlos"! Die letzte Vorstellung langweilte ihn dermaßen, daß er sie vorzeitig verließ. Berichten zufolge befand er sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Halbschlaf, so daß er den Ausgang nur dank tatkräftiger Unterstützung eines seiner Begleiter finden konnte.
· Kaum zu glauben, aber wahr: Eine unserer neueingezogenen und als Erstsemester noch ziemlich gestreßten Heimlinge freute sich sehnlichst aufs Wochenende, um etwas mehr Ruhe zu haben. Samstag abend geschah nun das Unbegreifliche. Sie beklagte sich über die im Wohnheim herrschenden und wirklich unzumutbaren Zustände: "Hier is' ja gar nix los. Richtig langweilig hier im Wohnheim".
Veranstaltungen
Jeden Morgen Heimfrühstück von 8.00 - 9.30 Uhr.
Don't forget: Heimbar am Mittwoch ab 21.00 Uhr.
Ciao.
Den "Heimling" wird es nur geben, wenn von Eurer Seite Interesse daran besteht. Wir sind keine Tamagotschis - aber wir würden uns trotzdem freuen, wenn Ihr uns mit Informationen und Artikeln füttern würdet.
Also bis zum nächsten Mal.... Eure Redaktion